“Nichts von dem was Sie hier sehen ist zwangsläufig in zukünftigen Photoshop Versionen”. Ungefähr so begann der Vortrag von David Story in dem er einen Überblick gegeben hat an welchen Ideen und Technologien bei Adobe geforscht und entwickelt wird. Selten hat mir ein Vortrag so viel Spaß gemacht, wie dieser am letzten Dienstag im Hamburger Adobe Büro an der Elbe.

Zum ersten Mal wird gezeigt an was in den Adobe Labs geforscht wird. Ideen und Studien, wie die Bildbearbeitung in einigen Jahren funktionieren könnte. Manchmal denkt man schon, dass keine Notwendigkeit für höhere Bildauflösungen besteht oder dass es eigentlich keine interessanten Funktionen mehr für Bildbearbeitungssoftware geben kann. Es ist ja schon alles drin, was man braucht und für die meisten Anwender eh schon zu viel.
David begann seinen Vortrag damit, dass man sich bei Adobe das Ziel gesetzt hat den Bildbearbeitungsprogrammen die Intelligenz eines zweijährigen Kindes beibringen will. Was bedeutet das? Ich stelle mir vor, dass ich 12.000 Bilder habe und einen Sonnenuntergang suche. Derzeit kann ich nach Texten in den Metadaten suchen, aber Programme verstehen den Bildinhalt noch nicht. Oder ich möchte was freistellen und wähle dazu Pixel aus, statt zu sagen “bitte stell mir den Kopf frei”. Genau das ist mit dieser Intelligenz gemeint.
Wie schaut sowas jetzt konkret in Programmen aus, wenn Photoshop die Bilder also versteht und nicht einfach nur bearbeitet. Aus diesem Blickwinkel ergibt sich also noch enorm viel Potenzial für zukünftige Programme, denn derzeit hat Adobe zwar die Technologie zu erkennen, wo in einem Bild ein Gesicht ist, aber man kann noch nicht sagen, wer diese Person ist oder suche mir bitte alle Bilder dieser Person. Aber genau daran wird derzeit entwickelt.
Gigapixel - ein Ende der Auflösung ist nicht in Sicht
Wie schaut es mit der Auflösung aus? Am Projektor sehen wir ein wunderschönes Stadtpanorama von Boston (soweit Boston schön ist). Plötzlich zoomt David an Details heran, bis man erkennen kann, welche Person gerade im Cafe sitzt oder welches Nummernschild ein Auto hat (klingelt es jetzt wofür man höhere Auflösungen braucht). Dieses Bild war ein 1 Gigapixel Bild (zum Vergleich: gute Kameras bieten derzeit 24Megapixel Auflösungen). OK, aber wie lädt man jetzt ein solch gigantisches Bild (ich glaube es hatte ca. 12GB Dateigröße) in Photoshop, zoomt darin herum und bearbeitet es. Adobe entwickelt hier an einer Technologie, die es erlaubt über eine GPU Beschleunigung und ein intelligentes Caching von Bildinformationen stufenlos und fließend in dem Bild “umherzufliegen”. Genau so wirkt das Werkzeug auch - als würde man durch das Bild hindurchfliegen, beschleunigen, abbremsen, ran- oder wegzoomen. Wow! Die Originalbilder dazu findet man auch bei xRez.
The Jiggsaw Puzzle Experiment
In Photoshop CS3 gibt es bereits ein Schnellauswahlwerkzeug. Hier wird durch ein Abstimmungsverfahren entschieden, ob der Pixel zur Auswahl gehören soll oder nicht. Ein tolles Werkzeug, was ich ständig benutze, auch wenn man sich vorstellen kann, dass der Algorythmus noch verbessert werden könnte. Was David hier gezeigt hat, war aber wesentlich mehr: Er markiert einfach ein Teil des Bildes, z.B. eine Person, schiebt diesen Teil an eine andere Stelle und Photoshop berechnet einen neuen Hintergrund und fügt die Person nahtlos an die neue Position ein. Das Geheimnis ist ein einfaches Puzzlespiel: Das Programm zerlegt das Bild in viele rechteckige Teile und versucht zu analysieren welche Teile am besten in den nun fehlenden Hintergrund passen würden. Diese werden noch ein bisschen überblendet und schon entsteht der neue Hintergrund. Auf die gleiche Art kann er nicht nur Bildteile verschieben, sondern einfach entfernen oder zwei Personen in unterschiedlichen Bildern in einem zusammenbringen.
Mehr als einen Blickwinkel
Aus einem kleinen Koffer zaubert David einen Prototypen einer Linse hervor, die in den Adobe Labs entwickelt wurde. Die Linse erinnert ein bisschen an das Auge einer Fliege, denn sie besteht aus vielen kleinen Linsen, die nebeneindander montiert das Bild aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln aufnehmen. Mithilfe eines neuen Tools kann er jetzt in Photoshop beliebig Schärfe oder Unschärfe auf weiter vorne oder weiter hinten liegende Bildteile auftragen oder das Bild in kleinen Gradschritten drehen. Die verschiedenen Perspektiven machen es möglich die 3D Informationen aus der Abbildung wieder auszulesen und durch die unterschiedlichen Informationen in den einzelnen Bildern lässt sich sogar die Auflösung des Gesamtbildes noch erhöhen. Fehlt nur noch ein Hersteller, der in Zukunft solche Linsen baut (denn der mit Heißkleber zusammengesetzte Prototyp von Adobe ist sicher nur zum Experimentieren gedacht). Aber es wäre ja nicht das erste Mal, dass die digitale Dunkelkammer die Fotoindustrie vorantreibt.
Adobe CSI
Aus den Serien sieht man ja schon wie einfach es ist Bildmanipulationen zu erkennen. Im richtigen Leben ist es leider bisher noch ein wenig komplizierter zu erkennen wo retuschiert wurde und wo das digitale Bild noch in Ordnung ist. David zeigt ein Foto und lässt uns raten, wo retuschiert ist. Meistens liegen wir falsch. Dann markiert er einige Bildstellen und ruft ein “Manipulation Detector” auf. Ist die Stelle echt, dann werden vier sogenannte “Truth Dots” angezeigt. Wenn diese fehlen, ist das ein Hinweis auf eine Manipulation. Wie geht das? Auch dieser Trick ist einfach (zumindest die Idee - von dem Algorythmus dahinter würde ich wahrscheinlich Albträume bekommen). Zur Belichtungszeit wird eigentlich nur ein Graustufenbild erstellt. Ein Filter davor entscheidet, ob es sich bei dem belichteten Bildpunkt um einen roten, grünen oder blauen Pixel handelt. Die fehlenden Farbinformationen werden von den Nachbarpixeln ergänzt. Und genau dieses Muster weist auf ein nicht bearbeitetes Bild hin.
Fazit
Es war spannend mal einen Einblick zu bekommen wie bei Adobe geforscht und entwickelt wird. Auf jeden Fall brauche ich mir um mangelnde Innovationen auch in den nächsten Jahren keine Gedanken mehr zu machen. Und wenn ich mich zurückerinnere, was mein Sohn mit zwei Jahren schon alles drauf hatte, dann hat Adobe sich kein leichtes Ziel gesteckt.